Der deutsche Balladenkatalog

The German Ballad Catalog (englische Version)

Einführung

Der deutsche Balladenkatalog kann endlich ans Netz – wo es eigentlich seit Anfang gehört hat.  Seit 1965 gibt es Balladentagungen, die vom Anfang an das Ziel setzten, einen allgemeinen europäischen Balladenindex herzustellen, mit deren Hilfe man nicht nur Balladen aus einer "nationalen" Tradition, sondern auch parallele, vielleicht sogar verwandte, Balladen aus anderen Traditionen aufspüren und vergleichen kann.  Heute, zum Anlass der 36. Arbeitstagung 2006 wieder in Freiburg, wird eine große Auswahl der deutschen Volksballaden, durch ein System der thematischen Klassifikation zugänglich gemacht.

Das thematische System wendet ein System der "narrativen Einheiten" und "thematischen Einheiten" (also "narrative and thematic units") an, die ich aus dem eigentlichen Balladenmaterial eruiert habe.  Tausende von Belegen aus hunderten von Liedtypen wurden gesichtet, und von diesen Texten wurden typische Erzählsituation und –handlungen abstrahiert.  Das sind die "narrative units,"  wie  z.B. "Entdeckung durch Zufall," "Entdeckung durch Probe" "Liebesprobe," "Entdeckung durch Zeichen" "broken tokens," und so weiter.  Diese Erzähleinheiten sind aber zu motivisch, zu variabel, um für Balladenklassifikation Suchverfahren wirklich nützlich zu sein.  Fasst man aber solche verwandte Erzähleinheiten zusammen unter Rubriken, die thematisch von gleicher Aussage für den Verlauf der Balladenhandlung sind, so erreicht man ein stabiles Niveau, das sehr effektiv Balladen findet, zusammenträgt wo sie vergleichbar sind, bzw. differenziert, wo sie sich eben unterscheiden.  Solche abstrahierten "thematic units," oder kurz "Themen",  wären z.B. "Entdeckung," "Bestrafung," oder "Tötung."

Eine solche Abstraktionsgrad der Themen ist nötig, um Zuverlässigkeit in der Balladensuche zu erreichen.  In dem internationalen Balladentyp vom Mädchenmörder ermordet "Ulrich" das Mädchen, bevor der Bruder sie retten kann.  In den "Ulinger-"Varianten des gleichen Liedtypes kann der Bruder gerade noch rechtzeitig ankommen und den Mädchen-"Attentäter" umbringen, und so seine Schwester retten.  Die Verwandtheit dieser zwei Strähne der "Mädchenmörder"-Tradition gehören zusammen; die Texte machen dies offensichtlich.  Eine Klassifizierung als "Mord" würde diese Texte, Variantengruppen trennen.  Eine Klassifizierung  als das Thema "Tötung" bringt sie wieder zusammen.  In jedem Fall kommen sie dann wieder zusammen unter dem Thema der "Bestrafung."  Und auch unter dem Thema der "Sittlichkeit und Moral," denn abgesehen davon, ob es dem Mädchenmörder "gelingt" die Frau umzubringen, offensichtlich hat er sie weggelockt und verraten.

Es ist wichtig festzuhalten, dass ein gewisses Thema oft "positiv" ODER "negativ" auftreten kann.  Im obigen Beispiel vom Mädchenmörder ist es die Verletzung der "Sittlichkeit" (Thema 245), also der Verrat am Mädchen, die wichtig ist.  Ironisch aber sehr sinnvoll verrät das Mädchen  im verwandten Liedtyp "Herr Halewijn" auch ihren Bedroher: obgleich sie verspricht, sich auszuziehen, wenn er wegschaut, haut sie ihm stattdessen den Kopf ab.  Und: ein "Mord" ist das offenbar nicht, sondern die Ballade betrachtet es als gesunde Selbstverteidigung.  Dennoch als "Tötung" tritt dieser Handlungsabschnitt parallel zu den "Morden" in den anderen Untergruppen dieses Liedtypes.

Neben den Themen gibt es eine andere äußerst wichtige Dimension zur Balladenhandlung: die Handlungsträger.  Auch sie, als "role relationships," oder einfacher "Rollen," müssen abstrahiert werden, um als Suchkriteria zu funktionieren.  Es macht keinen so großen Unterschied, ob es ein Ritter ist, oder ein Soldat, ein Handwerksbursche, ein Musikant, ein Elf, oder ein Matrose ist, der die Frau verführt: wichtig ist sein Auftreten als "Liebhaber." Und so wird die Ballade unter der Rolle "L" zu finden sein.  Es ist nicht so wichtig ob eine Person als Vater, als Mutter, als Pflegeelternteil, oder als Onkel auftritt, solange diese Person tatsächlich als "Familie" handelt.  Diese Ballade wird unter "F" zu finden sein.

Beide Themen und Rollen können mehrfach auftreten: es ist gerade in der Kombination, wo die Wirksamkeit dieses Systems liegt.  Wenn die Frau den vorbeireitenden Mann anlacht und zu einer Liebesstunde einlädt, so sollte man das Liedtyp unter "L" für Liebendenen suchen können.  Macht aber die Frau ihren unerkannten Vater an, so muss das Lied sowohl unter "L" wie auch unter "F" zu finden sein ("Vater und Tochter" Dvldr 142 oder hier: 04.04-13).

Für eine nähere Beschreibung der Einzelheiten des thematischen Systems, vergleichen Sie die Übersicht über die Themen und Rollen, bzw. die Komplette Liste der erzählenden Themen und dramatischen Rollen, mit den Beschreibungen der "thematic units" und ihrer "narrative unit" Untertypen.  Falls Sie ein Thema in den Menüs der Suchseite nicht finden, suchen sie in der kompletten Liste.  Meistens finden Sie da, was sie wollen, und dann wenden Sie das Thema an, das zu Ihrem Motiv passt.  "Mord" finden Sie da unter "Tötung [660]" (am besten in Verbindung mit verletzter "Sittlichkeit" [245].

Das Gleiche gilt für die Handlungsträger und ihre "role relationships," und es soll betont werden, dass die Rollen nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen: "sie" kann als "Liebhaber" daherkommen, währed "er" als "Familie" reagiert.  Wichtig ist hier die Art der Beziehung, nicht eine motivisch-detailierte Beschreibung relativ äußerlicher Merkmale.  Mit der Frage: "Was für eine Funktion für die Handlunng hat diese Figur" kommt man am schnellsten zum Ziel.  Cowboy oder Ritter: wenn er einen Liebesantrag stellt, handelt er als "Liebhaber."  Auch hier muss  man bedenken: anscheinend verschiedene positive oder negative Aspekte deuten auf eine gleiche Rolle.  Es ist unerheblich für die Klassifikation ob er "Erfolg" hat oder "einen Korb" bekommt: für die Handlung funktioniert er als "Liebhaber."  In ähnlicher Weise bei Räuberballaden werden sowohl die Beraubten ("Opfer") wie die Raubenden ("Räuberhauptmann") als "Victims, Helpers und Wrongdoers" klassifiziert ("V").  Robin Hood ist ja selbst zugleich Opfer, Helfer und Verbrecher in einer Person. 

Es geht am besten, wenn man die Rollen hierarchisch abfragt, dass man also zuerst nach "Liebende" oder "Familie" sucht, bevor man es mit nur "Religiöse/Übernatürliche" Figuren oder "Konkurenten." probiert, denn solche sind oft sekundäre Rollen.  Der "Elf Knight" der Child Ballade handelt wie ein Liebhaber, auch wenn er ein übernatürliches Wesen sein soll.  Ein Gespenst, das als Spuk handelt und Leute erschreckt, oder Maria beim Wunderwirken wären dann eher "Religiöse/Übernatürliche Wesen."

Wählen Sie einschlägige Themen von den Menüs aus ("ADD" = hinzufügen)), bis Sie mit Ihren Suchkriterien zufrieden sind.  Dann schicken Sie sie an die Suchmaschine ab ("Find" = eingeben).

Wenn Sie aber genauere Übereinstimmungen suchen, können Sie unter der "Expertensuche" detailiertere Suchen eingeben, z.B. eben "Sittlichkeit verletzt" [245.a]; oder Desertation als "Berufsverpflichtungen nicht eingehalten" [280.a] plus "Flucht" [330].  Geben Sie die "narrative unit" Codes ein, so viele wie Sie wollen.  Ein Leerschlag zwischen Eintragungen trennt sie.

Die Bibliographie der zitierten Werke erklärt die Abkürzungen, die in den Liedbeschreibungen angewendet werden.

Das System ist so gedacht, das es auch anderen Balladentraditionen gerecht wird.  Ausführliche Stichproben am anglo-amerikanischen Material, wie auch am slowenischen und skandinavischen deuten darauf hin, dass das thematische System kulturübergreifend erfolgreich ist.

Dieser Katalog schlüsselt eine immer größer werdende Auswahl der deutschen Volksballaden auf.  Zur Zeit wurden hauptsächlich die Balladen eingegeben, die schon im Standardwerk, Deutsche Volkslieder mit ihren Melodien, Band I bis VII, enthalten sind.  Diese Wahl war arbeitstechnisch und nicht programmatisch getroffen.  Demnächst werden dann Balladen, die Liebesbeziehungen als Subjekt besitzen, und dann folgen andere Kategorien, wie z. B. Balladen über Mythos und Zauber.  Andere Balladen (die z.B. von Räubern, historischen Figuren, etc.) kommen an die Reihe, sobald sie  eingescannt werden können.

Zum Schluss will ich auch vielen danken, die mir über die Jahre sehr geholfen haben.  Einige der wichtigsten sind Rolf Wilhelm Brednich, D. K. Wilgus, Eleanor Long, Donald Ward, Barbara Boock und Ursula Schlatterer.  Auch den Institutionen gebührt mein Dank: das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg in Breisgau, die California State University, Fresno, und der Deutsche Akademische Austauschdienst.  Und am Ende bin ich unsicher, ob das DVA unter den "Personen" oder den "Institutionen" gehört: ein Eigenleben hat's schon.

Selbstverständlich trage ich volle Verantwortlichkeit für die Richtigkeit der Daten und die Funktionsfähigkeit des Systems.

David Gray Engle

© 2014

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